Rund um mobil: Alle(s) in Bewegung
(Juni 2005)
(veröffentlicht in RaumPlanung 120/121, Juni 2005)
Aus planerischer Perspektive gilt es wegen der hohen Komplexität des Themas Mobilität mannigfaltige Wirkungszusammenhänge zu beachten. Vor dem Hintergrund demografischer und wirtschaftlicher Entwicklungen sowie der aktuellen gesellschaftlichen Reform- und Veränderungsprozesse stellt sich insbesondere die Frage, wie das gesellschaftlich anerkannte Bedürfnis nach Mobilität auf nachhaltige Weise – und bezahlbar – befriedigt werden kann.
Die IfR-Jahrestagung 2005 widmete sich diesem Thema unter dem Titel "Rund um mobil". Sie fand mit Unterstützung des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS NRW) und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie (WI) am 17. und 18. Juni 2005 in Bonn statt.
Zum Tagungsbeginn erinnerte der Moderator, Dr.-Ing. Oscar Reutter (WI), an die immer noch offene Frage nach dem Wesen der Mobilität, deren unterschiedliche Facetten durchaus gegeneinander wirken können: So soll sie ökologisch verträglich und ökonomisch leistbar sein und nachhaltig ausgeübt werden. Letzteres müsse – so Peter Finger, Bürgermeister der Bundesstadt Bonn, bei seiner Begrüßung – politisch beantwortet werden, und zwar durch eine Vorrangsetzung für den Umweltverbund. Michael Isselmann, Leiter des Bonner Stadtplanungsamts, betonte in diesem Zusammenhang die großen Hoffnungen, die man in der "Wissenschaftsstadt Bonn" auf eine bessere Verkehrsbewältigung durch ein intelligentes Mobilitätsmanagement setze. Dr.-Ing. Stephan Wilforth, der Vorstandsvorsitzende des IfR e. V., gab in seiner Begrüßung den Tagungsgästen auf den Weg, eine kontinuierliche Verbesserung der Mobilitätsbewältigung mit Blick auf die Problematiken "Demografischer Wandel" und "Knappe Kassen" zu diskutieren.
Im ersten Vortrag befasste sich Dr.-Ing. Jens-Martin Gutsche (Hamburg) mit dem Thema: "Wer Wohngebiete sät, wird Verkehr ernten". Er erläuterte insbesondere, dass das kommunale Finanzsystem verkehrserzeugende Wirkungen hat und in Teilen zu verkehrsaufwändigen Baulandausweisungen führt. In Hamburg wurde festgestellt, dass die Lage in der Region, das Nahraumangebot und die ÖPNV-Qualität das Mobilitätsverhalten bestimmen. Dabei ist ermittelt worden, dass gerade in Gebieten mit besonders hoher Neubauquote eine hohe Verkehrserzeugungsrate im Pkw-Verkehr vorliegt. Bei diesen Siedlungen ist z. B. der Wegezweck "Bringen und Holen" beim Pkw-Verkehr in derselben Größenordnung wie "Einkaufen und Erledigen" einzuschätzen. Die regionale Lage ist dabei der stärkste Einflussfaktor. Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass vorhandene Siedlungs- und ÖPNV-Achsen schwächer auf die Verkehrsmittelwahl einwirken als erwartet.
Dr. Hans-Jochen Luhmann (WI) erläuterte in seinem Vortrag "Neue Rahmenbedingungen für Straßenverkehrsmobilität" die Einflussgrößen, unter denen sich Verkehr entwickeln kann. Er bezog sich dabei insbesondere auf die globale Versorgung mit fossilen Energieträgern und sieht in dem wachsenden Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem globalen Rohölmarkt ein fiskalisches Problem der Nationalstaaten. Er fordert dabei eine Entlastung dadurch, dass die Infrastruktur als Vermögenswert gesehen werden müsse, der in Zukunft Erlöse bringen solle. Die zukünftige – bzw. schon heute vorhandene – Knappheit an fossilen Kohlenwasserstoffen sei allerdings auch eine Verbündete der Klimapolitik, mache sie doch alternative nachhaltige Energieträger konkurrenzfähig.
Mit dem Verkehrsverhalten von Autofahrern und -fahrerinnen setzte sich Dr. Annette Spellerberg, Juniorprofessorin am Fachbereich Architektur, Raum- und Umweltplanung der TU Kaiserslautern auseinander und behandelte das Thema "Überhöhte Geschwindigkeit aus soziologischer Sicht". Verkehrsregeln würden zunehmend vor dem Hintergrund individueller Maßstäbe interpretiert. Dabei sei es wichtig, dass nach wie vor soziale Positionen über Lebensstilmerkmale ausgehandelt werden – und damit auch über Autos als Statussymbol und Imageträger. Geschlecht und Alter sind wichtigste Erklärungsgrößen für das Verkehrsverhalten. Insgesamt können ca. 20 % der Verkehrsteilnehmer/innen als "gefährdend" bezeichnet werden.
"Im Alltag unterwegs – Soziale Dimension der Mobilität" war der Vortrag von Mechtild Stiewe (ILS) bezeichnet. Sie machte deutlich, dass soziale Randgruppen von Ausgrenzung und Benachteiligung bedroht sind, z. B. wenn Mobilität an den Besitz eines Pkw gebunden ist – wobei jeder fünfte Haushalt ohne Pkw ist. Die Aufwendungen für Verkehr steigen in den Haushalten sowohl nominell als auch anteilig mit dem Haushaltseinkommen. Beim Zeitaufwand für den Weg zur Erwerbsarbeit ist in den vergangenen zehn Jahren ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Ein verbesserter ÖPNV-Zugang für benachteiligte Personengruppen sei erforderlich, z. B. durch Tickets für unterschiedliche Personengruppen, barrierefreie Zugänge oder Mobilitätsdienstleistungen. Parallel dazu müssten benachteiligte Stadtquartiere weiterhin räumlich aufgewertet werden. Auch habe eine Untersuchung zur Verkehrsmittelwahl in Wohngebieten – im Radius von 1.500 m um Schienenverkehrshaltepunkte – ergeben, dass die Lage und ÖPNV-Anbindung von Lebensmitteldiscountern an den Wohnungsstandort entscheidend sei. Bei der zukünftigen Wohnraumförderung wäre es sinnvoll, wenn die "Lage zur Nahversorgung" stärker berücksichtigt würde und für die ÖPNV-Anbindung Mindeststandards formuliert würden.
Drei parallele Workshops behandelten am Nachmittag unterschiedliche Determinanten von Mobilität:
In "Siedlungsräume in Bewegung" wurde daran erinnert, dass Mobilität an der Wohnung beginnt und hier Einfluss auf die Verkehrsmittelwahl in Richtung Umweltverbund zu nehmen wäre (z. B über Mietertickets). Ein anderes Thema war die Zukunft des ÖPNV im ländlichen Raum, wobei als wichtige Frage disuktiert wurde, welche Form von "Daseinsvorsorge" dort in Zukunft möglich bleibt.
Der Workshop: "Alt und Jung in Bewegung" thematisierte den Demografischen Wandel, Lebensstile und Verkehr und ging auf die Frage ein, wie mobil die "Senioren von morgen" überhaupt sind. Thesen zur Verkehrsentwicklung in einer alternden Gesellschaft und ein Erfahrungsbericht aus dem Harz zu einem Mobilitätsprojekt im Freizeitbereich boten weiteren Diskussionsstoff.
Der dritte Workshop drehte sich um "Arm und Reich in Bewegung". Dabei wurde die scheinbar simple Frage "Macht Geld mobil?" beleuchtet und ein einfaches, aber effektives Projekt zur Mobilitätsverbesserung in Braunschweig vorgestellt: Radfahrkurse für erwachsene Frauen; deutlich wurde hierbei auch der Einfluss des kulturellen Umfelds auf die Verkehrsmittelwahl. Schließlich ging es in einem dritten Beitrag um eine spezielle Variante des Car-Sharing: Unternehmer/innen als Kunden und deren bewusste(re) "dienstliche" Verkehrsmittelwahl.
Im abschließenden Plenum, durch das Dr. Thomas Baum (VSU GmbH, Herzogenrath) führte, stellten die Moderator/inn/en der Arbeitsgruppen ihre Diskussionsergebnisse vor:
Im Themenkomplex Siedlungsräume ergab sich, dass bei der Verkehrsbedienung eine stärkere Differenzierung zwischen ländlichen und städtischen Räumen zu erwarten ist. Hierbei kann in Städten aufgrund von Versorgungs- und Infrastrukturvorteilen mehr geboten werden als im ländlichen Raum, wo z. B. eine Regelbedienung mit Linienbussen vielleicht eher der Ausnahmefall sein wird. Deswegen muss im ländlichen Raum um differenzierte Angebote gerungen werden, wobei Marketing, Vereinfachung und Kostenzuordnung zu beachten sind. Über das "Gestaltungspotenzial" der im Einzelfall zu wählenden Bedienform entscheiden vor allem politische Rahmensetzungen.
Die Diskussion der Altersbezogenen Mobilität ergab, dass es derzeit schwierig ist, Prognosen aufzustellen. Mit der Veränderung der Altersstruktur ist gleichzeitig eine wirtschaftliche Trendwende verbunden. Derzeit wird kein Raum für zusätzliche steuernde Maßnahmen gesehen, bleibe eher eine aktive Projektarbeit zur kleinräumigen Gestaltung des Verkehrsverhaltens – insbesondere auch zur Verkehrsbeteiligung sozial schwächerer Gruppen.
Im Plenum wurde intensiv diskutiert, ob aus den Rahmenbedingungen heraus quasi automatisch eine Stärkung der "Europäischen Stadt" zu erwarten ist. Die wohl vor allem aus finanziellen Gründen mögliche Schwächung der öffentlichen Verkehrsversorgung im Ländlichen Raum könnte zu einer Revidierung der Doktrin der "gleichwertigen Lebensverhältnisse" (§ 1 ROG) führen. Zu diesem Punkt wird in Zukunft eine spannende Diskussion in der Fachwelt erwartet.
Auf der Tagung wurde insgesamt deutlich, dass die Veränderung der Rahmenbedingungen zu deutlichen Modifikationen sowohl von Mobilität und Verkehrsverhalten, aber auch beim Siedlungsverhalten führen werden. Es kann eine Stärkung der Siedlungsschwerpunkte erwartet werden, was zu deutlich differenzierteren Raumqualitäten führen wird. Insbesondere die Bedienqualität des ÖPNV im ländlichen Raum wird sich ändern. Schon vorhandene soziale Spannungen können sich erhöhen. Die möglichen siedlungs- und verkehrsplanerischen Instrumente zur kleinräumigen Bewältigung der absehbaren Probleme sind bekannt. Der Einfluss großräumiger, ja globaler, aber für die Stadt- und Verkehrsplanung nicht kalkulierbarer Rahmenbedingungen wird – wie etwa auf dem Energiemarkt – zunehmen.
Weitere Informationen zur Tagung finden sich im Internet (www.ifr-ev.de) sowie in den "IfR-Mitteilungen" dieses Heftes (z. B. zur Vergabe des IfR-Internetpreises 2005 an die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und zu den ebenfalls auf der Tagung vorgestellten Ergebnissen und Preisträgern des diesjährigen Studierenden- und Absolventenwettbewerbs 2005 in Bonn-Bad Godesberg).
Dr. Thomas Baum, Herzogenrath, Juni 2005


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